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Immobiliengigant Evergrande: Droht der endgültige Zusammenbruch?

Evergrande

Finanzinstitute und Investoren rund um den Globus blicken nervös auf den chinesischen Immobilienkonzern Evergrande. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren einen riesigen Berg Schulden angehäuft – die Rede ist von mehr als 300 Milliarden Dollar – und lässt seit September 2021 Termin um Termin für millionenschwere Zinszahlungen verstreichen. Die zuständigen Behörden in China setzen sich bereits mit lokalen Regierungen zusammen und warnen vor einem Kollaps des Konzerns. Eine Rettung durch staatliche Hilfen ist nicht geplant, allerdings will die chinesische Notenbank betroffene Privatleute und Verbraucher mit einer flexiblen Geldpolitik unterstützen.

Wer ist die Evergrande Group und was macht sie?

Die Evergrande Group mit Sitz in Shenzhen ist derzeit hinter Country Garden das zweitgrößte chinesische Unternehmen in der Branche der Immobilienentwickler und -verkäufer. Es erbaut Bürogebäude, Einkaufszentren und Apartments im ganzen Land. Zielgruppe für ihre Wohnungen sind hauptsächlich Menschen mit mittlerem und höherem Einkommen.

Zum Besitz gehören etwas mehr als 45 Millionen Quadratmeter Entwicklungsfläche sowie Projekte in 22 Großstädten sowie 1.300 Projekte in 280 kleineren Städten auf dem chinesischen Festland. Unter der Federführung des Konzerns entstanden auch einige der höchsten Wolkenkratzer auf der ganzen Welt. Neben dem Kerngeschäft mit Immobilien betreibt Evergrande noch Geschäfte in den Segmenten Elektromobilität, Gesundheit, Themenpark-Entwicklung und Mineralwasser. Laut eigenen Angaben zählen mehr als 200.000 Mitarbeiter zu dem Unternehmen. Zudem werden rund 3,8 Millionen Jobs in der Baubranche und anderen Bereichen unterstützt. Die Aktivposten summieren sich auf knapp 299 Milliarden Euro.

Börsenhandel von Evergrande Aktien ausgesetzt

Als Konsequenz aus der hohen Verschuldung und der Unfähigkeit, Zinszahlungen zu bedienen, will Evergrande Anteile in Höhe von mehreren Milliarden Euro verkaufen. Als erste Aktion in dieser Richtung erfolgte der Verkauf einer Bankbeteiligung für umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. Der chinesische Nachrichtendienst Cailian, ein Ableger der staatlichen Börsenzeitung Securities Times, berichtete nach Aussagen informierter Kreise, dass der ebenfalls in China tätige Immobilienkonzern Hopson Development Interesse an der Hausverwaltungssparte Evergrande Property Services bekundet hat. Für die Übernahme einer 51-prozentigen Mehrheit will er 4,4 Milliarden ausgeben. Eine gleichlautende Meldung erschien in der ebenfalls staatlichen Zeitung Global Times.

Anscheinend haben sowohl Hopson Development als auch Evergrande im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen um einen Handelsstopp der Wertpapiere gebeten. Daraufhin wurde in Hongkong Anfang Oktober zum ersten Mal während der jetzigen Liquiditätskrise der Börsenhandel von Evergrande Aktien ausgesetzt. Die Hongkonger Börse äußerte sich zunächst zwar nicht zu den Gründen, aber es geht wohl darum, den Werteverfall der Aktien zu stoppen. Immerhin sind die Kurse des Unternehmens im Zuge der Zahlungsschwierigkeiten allein in diesem Jahr um etwa 80 Prozent gefallen. Betroffen waren auch die Wertpapiere der Hausverwaltungstochter. Der Handel mit der Elektroauto-Sparte ging jedoch ohne Änderungen weiter.

Droht eine Banken- und Finanzkrise?

Evergrande war in den Jahren von 2018 bis zur Krise in 2021 das weltweit wertvollste Immobilienunternehmen mit einem Börsenwert von mehr als 42 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig ist es heute mit 300 Milliarden Dollar der global am höchsten verschuldete Konzern der Branche. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Firmengründer Xu Jiayin, einer der reichsten Unternehmer in China, den Aufbau von Evergrande von Beginn an mit geliehenem Geld verfolgt hat.

Bei der Frage, ob es im Falle eines Zusammenbruchs von Evergrande auf der ganzen Welt zu Erschütterungen der Finanzmärkte kommt, sind Kommentatoren und Experten unterschiedlicher Meinung. Manche sprechen unter Bezug auf die Firmeninsolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 von einem „Lehman-Moment“ für die chinesische und die Weltwirtschaft. Andere sehen jedoch keine weitreichenden Risiken, da der Immobilienkonzern über viel Land sowie zahlreiche vollendete und unvollendete Projekte verfüge, deren Preise relativ stabil seien. Im Gegensatz dazu hatte Lehman Brothers lediglich preislich volatile Finanzinstrumente an der Hand. Außerdem gehen Fachleute davon aus, dass ein Land wie China mit seinem Bankensystem eine mögliche Insolvenz des Immobilienkonzerns auffangen kann.

Deutsche Finanzinstitute – darunter Commerzbank, DZ Bank, ING Deutschland und NRW.Bank, die KfW sowie die Landesbanken Helaba und BayernLB – sehen die Probleme von Evergrande eher gelassen, da sie laut eigenen Aussagen bei dem kriselnden Unternehmen gar nicht oder nur wenig engagiert sind. Die Bafin und die EZB haben ebenfalls bereits Entwarnung gegeben.

Evergrande-Krise wird wahrscheinlich sich nur auf die chinesischen Immobilien- und Finanzbranche auswirken

Man könnte meinen, dass Investoren und Verantwortliche bei Evergrande aus der Finanzkrise 2008 nichts gelernt haben und nun ein ähnlicher Domino-Effekt eintreten könnte wie damals. Wahrscheinlich wird sich die Krise aber hauptsächlich auf die chinesische Immobilien- und Finanzbranche auswirken. Erste Anzeichen dafür sind, dass der ebenfalls in China ansässige Konkurrent Fantasia Holdings eine Frist für laufende Zinszahlungen nicht eingehalten hat und die Kreditwürdigkeit des Immobilienentwicklers Sinc von verschiedenen Ratingagenturen zurückgestuft wurde, inklusive einer Warnung vor Zahlungsausfällen.
Jedoch sind andere führende Immobilienentwickler wie die staatlichen Unternehmen Wanda Group und Poly Group oder die private Vanke Co. nicht von finanziellen Problemen betroffen. Dass es wohl zu keinem um sich greifenden Erdbeben kommt, liegt auch daran, dass chinesische Käufer ihre Wohnungen meistens bar bezahlen und nicht über Kredite finanzieren – im Gegensatz zu US-amerikanischen Hausbesitzern.

Ich heiße Quang Lam und arbeite bei der Hegner Möller GmbH als Marketing Director. Ich interessiere mich sehr stark für die Themen Finanzen und Sport. In meiner Freizeit gehe ich gerne laufen und betreibe auch einen Laufblog. Ich schreibe für den creditSUN Blog nur über die Themen, die mich auch wirklich interessieren.

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