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Wirecard-Skandal – 1,9 Milliarden Euro auf Konten verschwunden?

Wirecard-Skandal

Die Finanzaufsicht BaFin musste sich in den letzten Jahren immer wieder mit dem Vorwurf der Bilanzfälschung bei Wirecard befassen. Doch lange lag der Fokus nicht auf dem Konzern, sondern auf Investoren und Redakteuren. 2019 betrafen die Untersuchungen schließlich den Wirecard-Vorstand. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Im Wirecard-Skandal geht es um den Verlust von 1,9 Milliarden Euro, verschwunden auf angeblichen Treuhandkonten.

Anleger sind schockiert. Dem Finanzplatz Deutschland droht ein massiver Imageverlust. Der Wirecard-Skandal um den deutschen Finanzdienstleister und Dax-Konzern nimmt nämlich immer gewaltigere Ausmaße an. 1,9 Milliarden Euro sollen verschwunden sein, dabei ging es zunächst nur um die Fälschung von Bilanzen. Wirecard steht damit vor dem Aus. Das Unternehmen sieht sich in der ganzen Situation als Opfer eines Betrugs. Es wurde bereits Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Ermittler und Wirtschaftsprüfer sehen das bisher allerdings anders.1

Wo sind die 1,9 Milliarden Euro geblieben?

Doch was war passiert? Die lange gereiften Vorwürfe rund um die Bilanzfälschung wollte der Konzern im Wirecard-Skandal mittels einer Prüfung durch EY (früher Ernst & Young) aus der Welt räumen. Lange wurde auf den Geschäftsbericht gewartet, doch letztendlich wollte EY dann doch kein Testat erteilen. Der Grund: Es fehle der Nachweis über angebliche Bankguthaben auf philippinischen Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro.

Doch die beiden betroffenen Banken, die BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands, teilten mit, dass es diese Konten nie gegeben habe. Wirecard sei kein Kunde in ihren Unternehmen. Sie unterstellen Wirecard außerdem die Fälschung von Dokumenten. Der Vorstand hat inzwischen selbst eingeräumt, dass es diese Konten mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gebe. Stand heute fehlt immer noch jeder Beleg für die Existenz von Konten und Geld.

Was ist ein Treuhandkonto überhaupt?

Ein Treuhandkonto ist kein klassisches Konto. Wer eines besitzt, ist gleichzeitig nicht der Eigentümer des darauf befindlichen Vermögens, sondern übernimmt die Rolle des Treuhänders. Das Vermögen gehört dem Treugeber, der auch alle Berechtigungen besitzt und anders als der Treuhänder Zugriff auf das Geld hat. Zwischen Treuhänder und Treugeber gibt es einen Vertrag. Der Treuhänder erhält dadurch die Berechtigung für die Verwaltung des Kontos, während der Treugeber sich viel Arbeit mit dem Konto spart.

Auch bei den betroffenen Konten im Wirecard-Skandal soll es sich um diese speziellen Konten handeln, die bei philippinischen Banken eröffnet wurden. Das lässt sich tatsächlich nicht anders lösen, denn in Asien erhält Wirecard genau wie andere Konzerne keine Lizenzen, um einen europäischen Treuhänder einzusetzen.

Das Treuhandkonto im Wirecard-Skandal

Treugeber ist in diesem Fall Wirecard. Der Treuhänder ist seit 2019 ein gewisser Mark Tolentino – ein Anwalt, dem im philippinischen Finanzzentrum Makati City eine Kanzlei gehört. Seine Aufgabe ist es, den gewaltigen Geldbetrag von 1,9 Milliarden Euro zu verwalten, den Wirecard auf dem asiatischen Markt benötigt.

Mysteriöserweise ist Tolentino nicht mehr aufzufinden und auch nicht erreichbar. Seine Website ist seit kurzem ebenfalls abgeschaltet. Er gilt damit als abgetaucht. Das ist ein großes Problem vor allem für Wirecard, denn Tolentino dürfte der einzige sein, der den Wirecard-Skandal auflösen kann. Ungereimtheiten rund um die Treuhänderschaft hat es aber schon vor Tolentino gegeben.

Wirecard-Chef Markus Braun bereits zurückgetreten

Der Wirecard-Skandal zwang den Wirecard-Chef Dr. Markus Braun am Freitag, dem 19.06.2020 zum Rücktritt. Dieser wurde sofort vollzogen. Zum Interimschef wurde kurzerhand James Freis berufen. Braun, ein 51-jähriger Österreicher, spielte schon viele Jahre eine besondere Rolle für den Konzern. Der war nämlich nicht allzu erfolgreich, als Braun im Jahr 2002 einstieg. Doch es gelang ihm, Wirecard in Kürze in eine umsatzstarke Top-Firma zu verwandeln. Letztendlich wurde er selbst größter Aktionär von Wirecard.2

Die Wirecard-Aktie ist deutlich unter 20 Euro gefallen

Braun hält über sieben Prozent der Anteile und verlor in der aufregenden Kalenderwoche 25 nicht nur seinen Vorstandsposten, sondern gleichzeitig auch mehrere Millionen Euro an Aktienwerten. Zusammen mit dem Vertrauen der Anleger verabschiedete sich der Konzern im Wirecard-Skandal nämlich auch von knapp 70 Prozent ihres vorherigen Aktienkurses. Am Mittwoch, dem 17. Juni 2020, war die Wirecard-Aktie noch knapp über 100 Euro wert. Zwei Tage später unterschritt sie schon die 20-Euro-Marke (über 80 Prozent Aktienwertverlust).

Wie geht es weiter im Wirecard-Skandal?

Wo die 1,9 Milliarden Euro geblieben sind, wird viele Menschen noch lange beschäftigen. Hat der Ex-Vorstandschef Braun das Geld eingesteckt und dabei mit dem verschwundenen Treuhänder Tolentino zusammen gearbeitet? Oder war es der philippinische Anwalt, zusammen mit windigen Redakteuren der Financial Times? Hat es das Geld überhaupt gegeben, oder liegt hier vielleicht tatsächlich nur ein simpler Fehler in der Buchhaltung vor? Möglicherweise werden wir nie Antworten auf diese Fragen erhalten, sondern uns stattdessen mit den teuren Folgen befassen müssen. Aber im Zusammenhang mit der Corona-Krise könnte der Wirecard-Skandal die europäischen Geschäfte in Asien noch weiter ihrer Attraktivität berauben. Gleichzeitig dürfte das Interesse deutscher Anleger an der Börse abnehmen. Experten sprechen außerdem von einem einzigartigen und unvergleichbaren historischen Vorfall in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Mein Name ist Lutz Hegner. Seit 1991 bin ich als Geschäftsführer der Hegner & Möller GmbH täglich mit dem Thema FINANZEN beschäftigt und habe so das Glück, Interesse und Beruf verbinden zu können. Auf dem creditSUN Blog gebe ich gerne meine Expertise weiter und stehe als für Fragen im Bereich Finanzen gerne zur Verfügung.

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